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Weihnachten in der Obdachlosenunterkunft der AWO Prignitz

Sie sind allein, aber nicht vergessen. In der Obdachlosenunterkunft in Groß Pankow feiern zehn Männer Weihnachten. Möglich machen das Geschenke aus der Region. Wir haben sie besucht, mit den Männern gesprochen. Im Flur strahlt ein kleiner Tannenbaum im Kerzenlicht. Am Küchenfenster hängt eine Lichterkette, an der bunte Kugeln befestigt sind. „Das haben wir selbst geschmückt“, sagt Horst (Name geändert). Etwas Stolz schwingt bei diesen Worten mit, auch wenn es auf den ersten Blick scheinbar kein großes Ding ist. Aber für die Bewohner in der Prignitzer Obdachlosenunterkunft in Groß Pankow können auch kleine Dinge des Alltags zu einer Herausforderung werden. Weihnachten geht an den Männern nicht spurlos vorüber. Auch für sie sind diese Tage im Jahr etwas Besonderes. Horst will Plätzchen backen. „Nur aus der Büchse schmeckt ja nicht“, sagt er. Er wird auch derjenige sein, der Heiligabend den Gulasch brutzeln und aufteilen wird. Dazu wird es Rotkohl geben. Ja, er esse gerne, sagt Horst und zeigt scherzhaft auf seinen überdimensional großen Bauch. Kochen und Backen seien für ihn selbstverständlich. „Jeder von uns kommt doch eigentlich aus einer intakten Familie“, sagt er. Er habe mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern immer gerne gebacken. „Wir haben Weihnachten sehr ruhig gefeiert.“ Aber das ist Vergangenheit. Jetzt verbringt er seine dritte Weihnacht im Obdachlosenheim. „Alkoholprobleme, den Job verloren, dann die Wohnung und eines Tages war das Geld alle.“ In einem Satz kann er seinen sozialen Absturz zusammenfassen. „Gott sei Dank bin ich hier gelandet. Wo hätte ich sonst hingehen können?, sagt er.

Horst richtet seinen Blick aber nicht auf die Vergangenheit. „Ich habe wieder Fuß gefasst, bin trockener Alkoholiker, habe seit meinem Einzug hier nicht mehr getrunken.“ Sein Wunsch und Ziel ist es: hier wieder auszuziehen. „Das soll mein letztes Weihnachten in Groß Pankow sein.“

Er habe wieder Kontakt zu seinen drei erwachsenen Kindern. Das sei ein weiterer großer Schritt für ihn. „Sie haben sich damals ja noch mehr geschämt als ich es tat.“ Er hätte auch jetzt schon über Weihnachten zu ihnen gehen können, aber letzte Zweifel hielten ihn davon ab. „Ganz so weit bin ich noch nicht.“ Er hat gelernt, dass manche Dinge im Leben Geduld brauchen. Und noch etwas lerne man im Obdachlosenheim: „demütig zu sein“. Dietra Schwarz sitzt bei unserem Gespräch mit in der Küche, hört schweigend zu. Sie ist Mitarbeiterin der AWO Prignitz und leitet das Obdachlosenheim. Sie kennt die Geschichten ihrer Bewohner, weiß von ihren Schicksalen und findet klare Worte an die Menschen da draußen: „Saufen, schlagen, klauen. Das sind die Vorurteile gegenüber Obdachlose. Aber nicht jeder hat es selbst verschuldet. Auch nach einer langen Krankheit oder einer Trennung kann der Weg hierher führen“, sagt sie. Seit rund 20 Jahren arbeitet Schwarz mit Obdachlosen. „Häufig kommen sie mit einer großen Aldi- oder Lidl-Tüte. Das ist ihr ganzes Hab und Gut.“ Manche bleiben kurz, andere viele Jahre lang. „Ziel ist es aber, sie wieder zurück in eine eigene Wohnung zu bringen.“ Wenn das gelingt, sei das für sie und ihre Kollegin Sabrina Schmidt ein toller Erfolg. Ein solcher zeichnet sich ab. Ein Bewohner hat mit Unterstützung des Jobcenters seinen Lkw-Führerschein gemacht und arbeitet seit mehreren Wochen zur Probe bei Becker Umweltdienste in Wittenberge. „Er hat gute Chancen auf eine eigene Wohnung“, sagt Schwarz. Aber selbst wenn ein Bett im Heim frei werden sollte, hoffen schon die nächsten Klienten auf einen Platz.

Allein für Januar sind bereits vier Wohnungsräumungen angekündigt. Das bedeutet vier neue Bewohner aus der Prignitz. Und selbst wenn vor Ort mal kein Bedarf sei sollte: Fast laufend rufen andere Kommunen an, fragen nach freien Plätzen. Berlin, Hannover, Göttingen, Nürnberg nennt Schwarz als Beispiele. Eigentlich seien ihre 15 Plätze nie ausreichend. „Das ist ein Armutszeugnis für ein so reiches Land wie Deutschland“, meint Dietra Schwarz.
Aber heute sei ein guter Tag. Auf dem Tisch in der Küche stehen große Papiertüten mit Rucksäcken, Kaffee, Süßigkeiten, Wollsocken. Jeder Bewohner bekommt eine und weitere Tüte gefüllt mit Wurst und Speck. Einen großen Präsentkorb sollen die Männer unter sich aufteilen und in den Einkaufskörben findet Horst alles, was er für das Weihnachtsessen zum Kochen benötigt. „Wir wollen Danke sagen, wir sind froh, dass wir so viele Unterstützer haben“, so Schwarz. Die Fleischerei Kletzke, die Stadt Pritzwalk und die Gemeinde Groß Pankow, Landwirte oder die Apotheke - sie alle und noch viel mehr sorgen mit ihren Geschenken dafür, dass es die Obdachlosen zum Fest schöner haben. Vergangene Woche haben sie gegrillt und die Jagdhornbläser brachten ein Ständchen. Es seien diese kleinen Gesten, die Weihnachten im Obdachlosenheim überhaupt erst ermöglichen würden. „Wir wünschen euch ein ruhiges Weihnachtsfest“, sagen Dietra Schwarz und Sabrina Schmidt zu den Männern. Sie haben sich alle in der Küche versammelt und nehmen die Geschenke entgegen. „Bitte keine Katastrophen und wenn ihr mich nicht anruft, freue ich mich.“ Einige werden zu Verwandten fahren, aber die meisten von ihnen bleiben hier, so wie Alex (Name geändert). Auch er verbringt sein drittes Weihnachtsfest im Obdachlosenheim. Leicht sei ihm die Entscheidung nicht gefallen, denn der junge Mann hat jetzt eine Freundin. „Aber sie wird bei ihren Eltern sein und so gefestigt ist unsere Beziehung noch nicht.“ Er werde wohl der Stubenhocker sein, viel Fernsehen schauen. Feste Pläne mit den anderen Bewohnern habe er nicht. Das ergebe sich spontan. „Niemand muss aber allein essen. Wir sind wie eine große WG“, sagt Alex. Genau wie Horst möchte er schon bald wieder auf eigenen Beinen stehen. Daran arbeite er. Er sei stark alkoholabhängig gewesen. Noch sei er nicht trocken, wie Horst es geschafft hat. „Aber ich trinke deutlich weniger“, sagt er zu Dietra Schwarz. Sie spricht ihm Mut zu und erinnert ihn daran, dass seine selbst formulierten Ziele auch in der Zeitung stehen werden. Angst macht ihm das scheinbar nicht. Vielleicht ist es sogar ein Ansporn, denn Alex verabschiedet sich mit den Worten. „Ich werde meinen Arsch hoch kriegen, denn sonst wäre das ja peinlich meiner Freundin gegenüber.“

 

Quellenangabe: Artikel im Prignitzer erschienen am 27.12.2022

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Veröffentlichung

Di, 27. Dezember 2022

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